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Streetfood aus aller Welt


Alltagskampf in Israel

März 1st, 2012 § 0 comments

von Lissy Kaufmann

Morgens halb neun, ich verlasse meine Wohnung. Und bin auf alles gefasst. Der israelische Alltag wartet. Iomiom, heißt der so nett auf Hebräisch. Doch so nett ist er nicht immer. „Du brauchst in diesem Land Ellenbogen, sonst gehst du unter“, hat mir zu Beginn meines Aufenthaltes eine Rabbinerin erzählt. Und sie sollte recht behalten. Israelis drängeln und schubsen mit einer Selbstverständlichkeit, dass es mir anfangs nicht selten die Sprache verschlagen hat.

Ich will mir also am Bahnhof einen Burger holen. Bei McDonalds reihe ich mich ein in die Schlange an der einzig geöffneten Kasse. Ich warte. Kurz bevor ich dran bin, stellt sich ein junger Mann neben mich. Komisch, finde ich, aber ich warte ab. Als ich dran bin und gerade bestellen möchte, grätscht er rein: „Für mich bitte ein Cola.“ In meinen Ohren klang es wie: „Ätsch, erster. So läuft das eben in diesem Land. Der Schnellere gewinnt.“

Die Verkäuferin alias die Schiedsrichterin in diesem israelischen Alltagskamp schaut mich an, lächelt, als ob sie sagen wollte „Der zweite Platz ist auch ganz ok“ und nimmt sein Geld. Ich bin sauer, empört und sprachlos. Alles, was ich rausbekomme, ist ein schnaubendes „Grrrrr“. Ich drehe mich um und verlasse den Laden.

Es hätte keinen Zweck zu diskutieren. Eine amerikanische Freundin hat genau diesen Fehler begangen (mit einem freundlichen „entschuldigen Sie bitte, ich glaube, ich war vor Ihnen dran.“) und ist von der Dränglerin aufs Wüsteste beschimpft worden. Denn so läuft das hier nicht. Entweder man ist schneller oder man mogelt sich das nächste Mal einfach selbst ganz dreist nach vorn, um die verlorene Zeit wieder reinzuholen. Nach meinem Erlebnis im Fast-Food-Restaurant wird mir genau das klar. An diesem Tag werfe ich meine „gute deutsche“ Erziehung über Bord und lege mir Ellenbogenschützer an. Und wo das nichts nützt, setze ich nun auf eine mir ganz fremde Gelassenheit.

Drängeln und schubsten lernt man übrigens am besten in der neuen Jerusalemer Stadtbahn. Denn die Regel: Erst Leute rauslassen, dann einsteigen, die gibt es in diesem Land nicht. Frauen mit Kinderwagen, stattliche Herren, alte Damen, religiöse Familien, kurzum: Erwachsene (!) Menschen – sie alle drücken nach innen, sobald sich die Türen öffnen. „So kann das nicht funktionieren“, will man ihnen als ordnungsliebende Deutsche zurufen. Aber es hat keinen Sinn. Ich habe versucht, mit israelischen Freunden darüber zu sprechen. Aber sie verstehen es nicht: „Wenn ich rein möchte, möchte ich rein.“ Manchmal schafft man es, sich durch einen kleinen Spalt an der Tür entlang nach draußen zu schlängeln. Manchmal muss man aber einfach warten, bis alle drin sind, um sich dann seinen Weg nach draußen zu boxen, kurz bevor sich die Türen wieder schließen.

Überhaupt ist der Verkehr in Israel das Lieblingsspielfeld im Alltagskampf der Israelis. Sie hupen, wenn der Fahrer des Autos vor ihnen nicht schon beim Umspringen der Ampel auf Orange auf das Gaspedal drückt. Und wehe, sie müssen warten, weil jemand seitlich einparken möchte. Das Hupkonzert endet erst, wenn es wieder weitergeht.

Ich frage mich oft, woher dieser Kampfgeist, diese Rücksichtslosigkeit und Dreistigkeit kommt. Ist das die Mentalität eines Volkes, das sich ständig bedroht fühlt? Andererseits: Kommt man mit Israelis ins Gespräch (was unglaublich schnell geht), sind es die freundlichsten Menschen, dir mir je begegnet sind. „Woher kommst du? Deutschland? Großartig, da war ich schon. Berlin. München. Frankfurt. Willkommen in Israel!“

Solche Begegnungen vertreiben recht schnell meinen Ärger als Verliererin im Alltagskampf.  Und zeigen mir, dass ich die Dinge, weil ich sie einfach nicht gewohnt bin, eben aus meiner Sicht beurteile. Wahrscheinlich gibt es auch genügend Gründe für Israelis, sich über deutsche Alltagsgewohnheiten aufzuregen, die für mich ganz selbstverständlich sind.

So langsam gewöhne ich mich übrigens an die Drängelei. Und ich siege auch immer öfter. Doch ich befürchte: Wenn ich wieder nach Deutschland komme, werden mich die Menschen wohl nicht für eine Gewinnerin, sondern für eine ziemlich unverschämte Dränglerin halten.

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

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