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Gehen wir reisen oder fliehen wir?

Oktober 31st, 2012 § 2 comments

Von Heike Möller

Meine Semesterferien nutze ich, um nach Tansania zu gehen und dort bei einem Hilfsprojekt als Volunteer zu arbeiten. Nach der Volunteer- Arbeit nutze ich noch die Zeit, um das Land zu bereisen. Von Arusha über Tanga geht es Richtung Ostküste. Und von dort aus wollen wir nach Sansibar.

Gleich nach der Ankunft mit dem Bus in einem kleinen Dorf an der Küste, von wo aus man laut einem tansanianischen Reiseleiter nach Sansibar kommt, läuft ein Rastamann auf uns zwei mit vollem Gepäck zu und möchte uns in seinem Dorf rumführen. Er erzählt, er ist Reiseleiter und hat schon viele Gruppen geführt. Wir trauen ihm erst nicht, aber was bleibt uns anderes übrig? Und wir planen mit ihm die Überfahrt nach Sansibar. Abends geht es auch gleich los mit dem Bus in das nächste Dorf. Vollkommen durch die Pampa – kein Dorf weit und breit zu sehen, und das 2 Stunden lang, obwohl der Busfahrer in einem Tempo durch das Gebüsch fährt, dass der ganze Bus und alle losen Teile wackeln. Einmal müssen wir während der Fahrt mit dem klapprigen Bus aussteigen, da der Reifen platt ist. Ein anderes Mal stoppt der Wagen und es ist große Aufregung bei allen Insassen. Vor uns ist ein riesengroßes Schlagloch und der Busfahrer überlegt, wie er da durchfahren soll. Es wird beschlossen, dass alle Insassen im Bus sitzen bleiben, da sonst die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass der Bus umkippt, weil der Schwerpunkt sehr weit oben liegt, da das Gepäck auf dem Dach festgebunden ist. Nicht sehr beruhigend für uns, aber eigentlich sehr schlau! Und wir schaffen es!

Die Nacht in dem Dorf ist sehr kurz. Der Muezzin singt die ganze Nacht, da Ramadan ist und wir werden um 2 Uhr nachts geweckt. Die Fahrt mit dem Boot geht los. Um auf das Boot zu kommen, krempeln wir unsere Hosen bis zu den Oberschenkeln hoch, laufen durch das Wasser und nehmen dabei die Koffer auf den Kopf, damit nichts nass wird. Auf dem Boot erwarten uns ca. 100 Menschen, die auf jeweils etwa 1 m² ihre Waren und sich selbst auf dem Holz niedergelassen haben. Unten im Boot sind gefühlte 20 Tonnen Kokosnüsse. Es fühlt sich an, als wären wir auf der Flucht. Wir suchen uns unseren 1 m² und versuchen zu schlafen. Die Fahrt sollte 3 Stunden dauern, aber nach 10 min stellt der Skipper fest, es gibt keinen Wind. Also muss jeder Passagier dafür zahlen, dass der Motor angemacht wird – extra Kosten für das Benzin. Irgendwann kräht ein Hahn und wir freuen uns, endlich am Festland zu sein, aber nein, der Hahn kräht aus einem Korb einer Mitfahrerin heraus. Um uns herum nichts als Wasser… Da nun schon morgens ist, haben wir Hunger, aber es ist Ramadan und man darf tagsüber nichts essen. Wir versuchen also heimlich Bananen aus unserem Proviant zu holen, ernten dabei aber böse Blicke und lassen es doch beim Hungern. Nach ca. 7 Stunden sehen wir die Küste und sind sehr froh, als wir endlich auch das Festland betreten dürfen. Geschafft!

Aber es geht noch weiter: Dort angekommen müssen wir zu einem Einwanderer- Büro. Der Amtsleiter wirft uns vor, wir seien illegal nach Sansibar eingereist und wir müssten Strafe zahlen oder vor das Gericht in Stonetown, der Hauptstadt der Insel. Wir können das nicht glauben und diskutieren mit dem Beamten. Da wir sicher sind, dass wir nicht illegal eingereist sind, beschließen wir, er soll mit uns vor Gericht gehen. Komischerweise dauert es dann keine zwei Minuten und wir haben den Einreisestempel in unserem Reisepass.

Klingt alles irgendwie irreal und erschreckend oder?
Doch sicherlich sind diese nun von mir bewusst sehr drastisch und provokant geschilderten Beobachtungen nicht die Regel. In meinem Fall war es wahrscheinlich ein Mann, der irgendwie versuchen musste seine Familie zu ernähren und für dieses Ziel leider auch zu korrupteren Methoden greifen musste. Ich möchte mit dem Bericht deshalb auch tiefgründigere Lebensumstände aufzeigen, denen viele Menschen dort ausgesetzt sind und ihren Alltag damit bestreiten müssen, was wir in unserer westlich geprägten Reiselust oftmals leicht vergessen.

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

§ 2 Responses to Gehen wir reisen oder fliehen wir?"

  • Anja sagt:

    Hallo,

    sehr interessanter Artikel, ich kann mich da gut einfühlen. In meinem Urlaub in Tansania habe ich mir ähnliche Fragen gestellt.
    z.B. Wieviel Trinkgeld ist wirklich nachhaltig gesund?

    Ich habe zehn Stunden im Bus gesessen, bin durchs Land gefahren und brauchte keine Beschäftigung. Zu begreifen was man sieht, und seine eigene Welt da einzuordnen – das war Beschäftigung für wesentlich mehr als zehn Stunden.

    Wen es interessiert – hier findet sich mein Bericht.
    http://www.anjagnaedig.de/home/page-3/

    Anja

  • Claudi sagt:

    Finde ich echt cool. Mehr Leute wie dich braucht es, die Hilfe zur Selbsthilfe geben. LG, Claudi!

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