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Lernen zu verstehen oder lernen zu sagen?

Oktober 22nd, 2012 § 0 comments

Von Heike Möller

Drei Monate war ich in Ghana als Volunteer in einer Grundschule in der Nähe von Kumasi. Für diese Schule war das ein ganzes ‚Term‘. Aufgeregt gehe ich zu meinem ersten Schultag und fühle mich selbst wie ein kleiner Schüler. Ich begleite heute eine Lehrerin in die erste Klasse. Wir betreten das Klassenzimmer. Die Lehrerin tritt ein und alle Kinder stehen auf. Sie sagt eintönig: „Good morning everybody“ und die Schüler antworten genau im selben Tonfall: „Good morning Mrs. Bosumtwi“. Die Schüler setzen sich und der Unterricht beginnt. In einer Hand die Kreide für die Tafel und in der anderen Hand einen Schlagstock, wiederholt die Lehrerin immer wieder Wörter und Phrasen, die die Schüler nachsprechen müssen. Mir fällt nach kurzer Zeit auf, dass Kinder auf Fragen immer genau das gleich antworten wie ihr Vorgänger, der auf dieselbe Frage antworten musste. Während meiner Zeit als Volunteer durchlaufe ich drei verschiedene Klassenstufen. Die erste, dritte und die fünfte Klassenstufe darf ich besuchen und auch selbst unterrichten. Schnell fällt mir auf: Es läuft in jeder Klassenstufe nach dem gleichen Schema ab und ich frage mich: „Lernen die Schüler um zu verstehen oder nachzusprechen?“. Oft habe ich das Gefühl, die Schüler merken sich ein Ergebnis oder die Antwort auf eine Frage und wissen, dass das nun das Ergebnis sein muss. Aber verstehen sie es auch? Ich weiß es nicht. Besonders überrascht bin ich als wir mit der ersten Klasse Körperteile im Englischunterricht kennenlernen. Die Aufgabe ist es, seine Nebensitzer gegenseitig laut vorzustellen. Der erste fängt an: „My neighbour has black curly hair, black eyes, black skin, …”. Der nächste beginnt seinen Satz genau gleich und genau in der gleichen Reihenfolge wie der Vorgänger wird auch sein Nebensitzer beschrieben ohne ihn genau anzuschauen. Erst da fällt mir auf, dass das in Deutschland wahrscheinlich ganz anders ablaufen würde. Einerseits hat man hier blonde oder braune Haare, blaue, braune Augen oder grüne Augen,… jedoch glaube ich nicht, dass es nur daran liegt, dass Kinder in Ghana in gleicher Reihenfolge Dinge wiedergeben. Sicherlich lernt man auch in Deutschland in der Grundschule erstmal zu schreiben und lesen und wie soll das funktionieren, wenn man nicht immer wieder wiederholt? Aber vielleicht würde in Deutschland ein Kind seinen Nachbarn erstmal anschauen und dann überlegen, was er beschreiben möchte. Mir wird bewusst, dass die Lehrmethoden in unterschiedlichen Ländern voneinander abweichen und die verschiedenen Systeme jeweils viel von den anderen lernen können. Wäre ein Lehrer aus Ghana in Deutschland würde ihm sicherlich auch einiges auffallen, das auch am deutschen Schulsystem zu kritisieren ist und aus den Augen einer anderen Kultur als merkwürdig betrachtet wird. Um die Kritik deshalb nicht nur einseitig anzubringen, könnte man am deutschen Schulsystem die frühe Trennung zwischen Hauptschule, Realschule und Gymnasium nennen. Es wäre auch interessant zu hören, ob andere Kulturen im deutschen Schulsystem bereits erkennen, dass wir unseren Kindern schon sehr früh – und vielleicht zu früh – das Prinzip der Leistungsgesellschaft beibringen und sie somit als Erwachsener immer unter dem Druck der westlichen Welt stehen. Immerhin sind in unseren Kulturen Krankheiten wie Burn-out oder andere Überlastungen um einiges höher als anderswo.
Wie so oft wäre ein Mittelmaß zwischen den verschiedenen Systemen wohl die beste Lösung, sodass wir in der Zukunft bewusster darauf achten sollten, sich auch an anderen Ländern zu orientieren, um gegenseitig von Stärken und Schwächen zu lernen.

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

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