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Wie „patriotisch“ fühlen wir Deutsche uns eigentlich?

September 6th, 2012 § 0 comments

Von Johanna Müller

Na, sieh einer an. Es gibt sie also doch, die deutschen Patrioten.

Doch wahrscheinlich ist so ziemlich jedem deutschen Leser sofort klar, in welchem Zusammenhang dieses Bild hier entstanden sein muss. Wohl kaum nur ein gewöhnlicher Sonntagsausflug oder die neue Fahrradmode, nein.

Einfach nur so würde man solch einen markanten Auftritt in der Öffentlichkeit nie und nimmer wagen. Da muss noch etwas anderes im Spiel sein. Sogar eine Erläuterung ist hier überflüssig, da beim ersten Blick auf das Foto schon das Stichwort „Fußball“ in den Sinn kommt. In diesem speziellen Fall war es die Fußball-EM 2012, die in Würzburg zu kreativen Meisterwerken führte.

Ganz ungewohnt – weil ich früher komplett anders reagiert hätte – ertappte ich mich nun nach meinem einjährigen Aufenthalt in den USA dabei, wie mein Herz Freudensprünge machte. Es war mir wahrscheinlich geradezu ins Gesicht geschrieben, wie sehr mich dieser verrückte Fahrradschmutz entzückte und alte Heimatgefühle wieder wach werden ließ. So zögerte ich nicht lange und fragte den netten Herrn, ob er mir erlaube, ein Foto von ihm zu machen. Mit ganzem Stolz präsentierte er mir sein neuestes Werk und erklärte mir haargenau, wie er das wasserfeste Krepppapier in seine Fahrradspeichen eingeflochten hat. Stolz, ja das muss man auf sein Land wirklich sein, um so etwas zustande zu bringen. Dass die Ampel inzwischen schon wieder rot geworden war, war uns beiden in diesem – doch so besonderen Moment – irgendwie egal.

Ich war gerade 10 Tage wieder in Deutschland, als ich diese Begegnung hatte. Ob ich aber wirklich mental schon in Deutschland angekommen war, bezweifele ich. Erst jetzt – 4 Monate später – ist mir das Foto wieder in die Hände gefallen, und ich habe mir Gedanken dazu gemacht, wie unterschiedlich Patriotismus in Deutschland im Vergleich zu den USA gelebt wird.
Aber warum eigentlich? Und warum habe ich mich jetzt sogar freuen können anstatt mich zu schämen? Vielleicht waren es Erlebnisse wie das am Flughafen in Chicago: Vor mir stand ein Mann, auf dessen Pullover groß die amerikanische Flagge zu sehen war, und darunter stand „PATRIOTISM“. Es ist schwierig, sich zurückzuerinnern, wie ich Dinge vor meinem Auslandsjahr eigentlich wahrgenommen habe. Meine Wahrnehmung hat sich definitiv geändert und ist momentan immer noch von meinem Jahr in den USA geprägt.
Bezogen auf meine Bekanntschaft mit dem Radfahrer in Würzburg hätte ich damals sicherlich nicht mit innerlichen Freudensprüngen reagiert. Eher hätte ich mir Worte wie „dekadenter Fußballspinner“ verkneifen müssen und mich gnadenlos fremdgeschämt.

Ohne jeglichen Anlass, wie etwa die Fußball WM, zeigt dieser Amerikaner ganz offen, welchem Land er zugehörig ist. Bedeutet das dann gleich, dass er auf alles, was sein Land jemals gemacht hat und gerade macht, stolz ist? Das ist für mich die entscheidende Frage. Darf man sich nur patriotisch zeigen, wenn man keinerlei Kritik am eigenen Land hat? In diesem Fall dürfte streng genommen kein Land dieser Erde jemals nochmals patriotisch sein, denn welches Land agiert schon absolut vorbildlich?

In Deutschland scheint alles, was mit Patriotismus zu tun hat, immer noch einen stark nationalsozialistischen Nebengeschmack zu haben. Begriffe wie „Vaterlandsliebe“ habe ich bisher nur in Geschichtsbüchern gelesen, und alles Patriotische wird schnell mit Nationalismus gleichgesetzt. Einen Versuch, diese beiden Begriffe zu unterscheiden, wurde vom ehemaligen Bundespräsident Johannes Rau einmal recht treffend formuliert. „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“

Ab und zu patriotisch zu sein sollte also eigentlich nichts Verwerfliches darstellen. Und insgeheim sind auch wir Deutschen um einiges patriotischer als wir zugeben wollen. Nur weil wir dies nicht durch Flagge zeigen an den Tag legen, wie etwa die Amerikaner, bedeutet das nicht, dass wir unpatriotisch sind. Unsere patriotischen Botschaften sind nur etwas subtiler. Warum sind wir zum Beispiel auf die eigentlich gewöhnliche Produktinformation „Made in Germany“ so stolz? Ist das nicht auch insgeheim ein Symbol für deutschen Patriotismus? Wenn das Ausland diesen Patriotismus kritisch betrachtet, könnten Sie meinen, dass wir der Überzeugung sind, dass alles, was in Deutschland produziert wird automatisch gut ist, doch meinen wir das damit?

Genau wie auch ein Amerikaner, der eine amerikanische Flagge auf seinem Pullover stehen hat, nicht automatisch der Meinung sein muss, dass alles in seinem Land gut ist, genau so bedeutet auch unser Qualitätssiegel „Made in Germany“ nicht automatisch, dass alles nur einwandfrei ist oder eine deutsche Flagge in den Fahrradspeichen nicht, dass man sein Land dann automatisch nur vergöttert.

Fest steht für mich, dass man trotz der Fehler, die jedes Land hat, auf gewisse Bereiche stolz sein darf. Bei uns sind das eben oft Autos, Maschinen oder Genauigkeit, während in den USA eher Dinge wie der verrückte Erfindergeist, die Filmindustrie oder Musik dazu führen, auf sein Land stolz zu sein.

Ich für meinen Teil werde mich zumindest in Zukunft nicht mehr fremdschämen, wenn ich mal wieder einen meiner Landsleute auf der Straße mit verrücktem Fahrradschmuck begegnen werde, sondern die neuesten patriotischen Trends mit einem etwas anderen Blickwinkel weiter verfolgen, um diese bald wieder mit unserer interkulturellen Leserschaft teilen zu können.

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

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