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Reflecting on how we reflect

September 6th, 2012 § 1 comment

von Hella Parpart

“What was interesting about the play?”, will meine Theaterprofessorin an der Central Michigan University von uns Studenten des Seminars „Introduction to Script Analysis“ wissen. Während ich noch über die bestmögliche Antwort nachdenke und Alternativen abwäge, sind mir bereits drei Kommilitonen zuvor gekommen. „I really like Treplev ‚cause he’s such a tragic character!”

Ich erwarte Kritik an der undifferenzierten Stellungnahme meiner Kommilitonin zu Tschechovs „Die Möwe“, doch Fehlanzeige: „Good job, Kathy!“ Ich bin irritiert. Immer wieder realisierte ich während meiner zwei Semester an einer US-amerikanischen Universität, Aufgabenstellungen anders anzugehen als meine  Mitstudenten. Typisch deutsch grübelte ich über eine umfassende Antwort nach, überlegte mir mögliche Nachfragen der Professorin und wiederum mögliche Antworten darauf.

In Metakognition, wie wir Psychologen die Gedanken über unser Denken nennen, sind wir Deutschen wohl Weltmeister. Wie begründe ich die Wichtigkeit meines Gedankens, inwiefern ist er nützlich für die weitere Diskussion, oder wie könnte ich auf ein Gegenargument überzeugend reagieren? Die Professorin stellt bereits die nächste Frage. Ich lernte schnell, dass ständiges Abwägen von Für und Wider, gedankliches Einbeziehen hypothetischer Kritik und der Hang zum Perfektionismus mich hier nicht weiterbringen. Vielmehr folgte meist aus freier Assoziation und dem Sammeln gemeinsamer Ideen ein produktives Ergebnis.

 

Auch im studentischen Alltag beeindruckte mich der weitaus weniger bewertende Umgang meiner amerikanischen Freunde mit Tatsachen – wir würden es Pflichten nennen. Drei Nebenjobs, $20.000 tuition (Studiengebühren) pro Jahr, keine oder wenig finanzielle Unterstützung der Eltern und nicht eine Klage über die 12-Stunden Schicht an der Kinokasse. Nicht, dass ich unser Sozialsystem gegen das der Amerikaner eintauschen möchte, doch wir Deutschen beschweren uns gerne über 30 Urlaubstage (vs. keinen festgelegten Mindestanspruch in den USA), einen Schnupfen (vs. keine gesetzliche Krankenversicherung) oder einen Hiwi-Job, um uns die Reise nach Südamerika zu ermöglichen (vs. drei Jobs, um sich das Studium zu finanzieren). Sind wir mal ehrlich, wir jammern gerne über Kleinigkeiten und vergessen des Öfteren mit mehr Akzeptanz die süßen Momente des Lebens zu genießen. Dennoch, wir kämpfen auch mit Nachdruck für soziale Gerechtigkeit. Die Abschaffung der Studiengebühren für größere Chancengleichheit im Land wäre so ein Beispiel. Ein ebenso prägendes Ereignis meines U.S. Aufenthalts stellte nämlich die Wahlkampfveranstaltung des Republikaners Ron Paul dar. Ich erinnere mich an ein Popkonzert mit Wahlpartysong, Popstar Ron und kreischenden Groupies. Es war schockierend, junge Menschen zu beobachten, die radikale und illusionäre politische Ansichten feierten ohne auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Und auf Sätze wie “Well, Bush sucked. But honestly, Obama is kind of like Bush. I don’t see any difference between them.“ hätte ich am liebsten mit  „Put mind in gear before opening mouth!“ geantwortet. Ein grundlegendes Problem des „Nicht-Reflektierens“ scheint die Tabuisierung der politischen Meinung zu sein. Meine erste Lehre in den Vereinigten Staaten: Frage nie die Eltern deiner Freunde, was sie von aktueller Politik halten. Sie reden nicht gerne darüber. Und argumentieren können leider die wenigsten Menschen – sie diskutieren zu selten miteinander –, müssen also auch nicht ihre Ansichten reflektieren. Wir dürfen gespannt sein, ob es am 6. November einen neuen oder alten Präsidenten geben wird…

Fazit? Es wäre schön, wenn sich Kulturen gegenseitig eine Scheibe voneinander abschneiden. Wir könnten etwa durchaus ein wenig von unserem Negativismus gegen die Leichtigkeit der Amerikaner eintauschen.

„Have you ever heard of B[ɹ]ekkt (Brecht)?”,  fragt meine Theaterprofessorin in der zweiten Sitzung der Woche. „His ‚epic theater‘ has the main idea to provoke rational self-reflection and a critical view of the action on stage.” Wir können alle voneinander lernen!


Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

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