Unser Reisetipp


"Pho Suppe in Vietnam" im Reiseblog von HostelBookers.de


Streetfood aus aller Welt


Service-Wüste oder Service-Oase?

März 14th, 2012 § 0 comments

von Johanna Müller

„Die Frau an der REWE Kasse hat mich doch tatsächlich gefragt, ob ich nicht auch mit einem kleineren Schein bezahlen könnte.“ Hoch entsetzt und verärgert habe ich diesen Satz vor einem Jahr von einem amerikanischen Austauschstudenten in Würzburg zu hören bekommen.

Nie wieder in seinem ganzen Leben würde er freiwillig einen REWE Supermarkt betreten – so gekränkt war er. Der Grund dafür war schlichtweg nur die Tatsache nicht nach dem Motto „Der Kunde ist König“ behandelt zu werden; für manch Amerikaner, wie man sieht, ein hoch traumatisierendes Erlebnis.

Erst als ich vor genau 200 Tagen im August 2011 meinen einjährigen Auslandsaufenthalt in den USA begonnen habe, wurde mir dann so einiges klarer. Ein Schritt in den Uni Buchladen in Austin hat ausgereicht, um der REWE Enttäuschung näher auf die Spur zu kommen – diesmal aus der anderen Perspektive, die einem oftmals eher die Augen öffnet, als theoretische Erklärungsversuche.

© Konstantin Gastmann/pixelio.de

Zum ersten Mal in meinem Leben in den USA war ich – orientierungslos aber glücklich – auf dem Weg zum Uni Buchladen. Die automatisch öffnende Eingangstür war hinter mir noch nicht einmal geschlossen, als ich schon einen euphorischen Mitarbeiter vor mir stehen hatte. Doch anstatt mich zu freuen über die dynamische Begrüßung, war ich schlichtweg überfordert und wusste überhaupt nicht wie mir geschieht.

„Good Morning, how is it goin’? How are you doin’ today? Do you need some help or are you looking for something specific?”
Es waren genauer gesagt 3 Dinge, welche mir die Situation in diesem Moment so schwer gemacht haben. Zum einen natürlich die Tatsache, dass mein Schulenglisch einfach noch lange nicht praxistauglich genug war, um alles zu verstehen. Zum zweiten der erschwerende Faktor des texanischen „drawl“, der vor allem in den Südstaaten uns Austauschstudenten durch die ausgedehnte und „kaugummiartige“ Aussprache mancher Wörter das Leben schwer macht.

Doch all das war noch nicht der wirklich ausschlaggebende Grund für meine Sprachlosigkeit und Überforderung mit der Situation. Es war vielmehr die für mich als „aufdringlich“ und „übertrieben“ wahrgenommen Freundlichkeit, die mir gleich am Ladeneingang entgegengebracht wurde. Ich hätte es vielleicht sogar schlichtweg als solche abgestempelt, wenn mir nicht in diesem Moment die Situation von damals mit meinem amerikanischen Bekannten wieder eingefallen wäre.

Wie ein großes Aha-Erlebnis ist mir einer der kleinen, aber doch spürbaren kulturellen Unterschiede der sonst relativ ähnlichen Länder bewusst geworden. Nicht umsonst wird Deutschland von anderen Kulturen oftmals als „Service Wüste“ empfunden. Doch würden wir Deutschen uns aufgrund dieser etwas zurückhaltenden und gefühlsneutralen Art gleich als kalt und unverschämt beschreiben lassen wollen?

Bei diesem Gedankenexperiment wurde zumindest mir bewusst, wie leichtfertig oft geurteilt wird und wie selten man diese Unterschiede einfach als solche stehen lässt. Jedes Verhalten hat irgendwo seine geschichtliche Verwurzelung, die man zwar als anders, aber keineswegs als oberflächlicher oder sogar minderwertiger als die unsere auffassen sollte.

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

Tagged , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

What's this?

You are currently reading Service-Wüste oder Service-Oase? at Interkulturelles Reisetagebuch.

meta