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Touristen im eigenen Land

Juli 24th, 2012 § 0 comments

Von Simone Deitmer

Es ist schon erstaunlich, was neun Monate im Ausland bewirken können. Während einer Reise lernt man neue Kulturen kennen. Doch das Spannendste kommt eigentlich ganz zum Schluss: die Rückkehr ins Heimatland. Es ist beinahe so, als ob man in die Rolle eines Fremden schlüpft und Deutschland aus einem ganz neuen Blickwinkel sehen kann. Sozusagen als Tourist im eigenen Land. Einige Dinge sind uns dabei aufgefallen – positiv und negativ.

Zum Beispiel die sprichwörtliche deutsche Ordnung – gepaart mit Sicherheit und Verlässlichkeit. Im Alltag schimpft man ständig über Regeln, Gesetze und Gesetzeshüter.Klar ist es spießig, auf dem Amt oder bei der Bahn Nummern zu ziehen. Aber immer noch um einiges besser, als sich am Bahnhof in Neu-Delhi am Ticket-Schalter anzustellen.Dort kommt derjenige dran, der sich in der Menschentraube skrupellos vor drängelt. Als Fremder wartet man extra lang und was bleibt ist der Eindruck, ungerecht behandelt worden zu sein.Auch Verkehrsregeln und Radarfallen sind in Deutschland DER Aufreger schlechthin. Ohne Fahrbahnmarkierung, Geschwindigkeitsbegrenzung und Überholverbote macht Autofahren aber auch nicht wirklich Spaß.

Ein großes Thema auf unserer Reise war der Umgang miteinander, der Kontakt zu den „local people“. In dieser Hinsicht gehören die Deutschen im Allgemeinen wohl nicht zu den offensten Kulturen. Interessant ist, dass jedes Land einen eigenen Grad an Nähe und zwischenmenschlichem Kontakt hat: In Indien kamen uns die Einheimischen – für unseren Geschmack – sehr nahe. (Körperkontakt bei 40 Grad oder die Kinder fremder Menschen im Zug auf dem Schoß zu haben, ist nicht jedermanns Sache.) In Thailand und auf Bali trafen wir auf höfliche Distanz, unerschütterliche Freundlichkeit und teilweise demütigen Service. In Australien hingegen ist man offen und kontaktfreudig, der Service locker und freundlich, es ist netter „small talk“ angesagt. Das mag oberflächlich sein, ist aber dennoch sehr angenehm.

Wo liegen die Deutschen nach unserer Beobachtung in diesem Ranking? Es ist, wie gesagt, nicht gerade das kontaktfreudigste Völkchen. Das ist gut, weil einem in der Regel keiner auf die Füße tritt. Wer Kontakt sucht, hat es allerdings vergleichsweise schwerer. Denn viele Menschen sind scheinbar von einer unsichtbaren Seifenblase umgeben und ein „small talk“ im Wartezimmer, am Bahnsteig oder auf der Straße kommt eher selten zustande. Fremde Leute anquatschen… das macht man doch nicht!

Und wie steht es mit der viel zitierten „Servicewüste“? Im Vergleich zu dem engagierten Service in Australien und Neuseeland ist Deutschland tatsächlich eine Wüste – oder vielleicht eine Art Trockengebiet. Allerdings wären die Kunden vermutlich überfordert, wenn die Verkäuferin an der Wursttheke fragen würde: „Wie geht es Ihnen heute?“ Dann schon lieber die altbekannte Frage: „Was darf’s heute sein?“

Eine Sache ist uns, als Touristen im eigenen Land, ziemlich negativ aufgefallen. Es scheint als ob viele unserer Mitbürger von großem Kummer geplagt sind. Das äußert sich in Schimpfen, Jammern, herabhängenden Mundwinkeln und einer großen Last auf den Schultern. Nachdem wir im Ausland neun Monate lang gehört haben wie toll, erfolgreich, wohlhabend, clever, schön und stark Deutschland ist, können wir uns den Missmut nicht erklären. Vielleicht haben wir etwas verpasst?

Trotz aller Eingewöhnungsschwierigkeiten steht für die Heimkehrer jedenfalls fest, dass Dinge, über die wir manches mal den Kopf geschüttelt haben, auch ein wahrer Segen sein können.

Fotos: Christoph Lempertz

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

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