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Türkischer Fußball auf „weiblich“!

September 19th, 2012 § 0 comments

Von Eva Hösch

Was verbinden wir mit einem Fußballstadion? Grölende, lautstarke, biertrinkende Männerhorden, richtig!? Während eines Auslandssemesters in der Türkei, man mag es kaum glauben, machte ich eine komplett andere Erfahrung.

Aufmerksame Fußballfans erinnern sich sicher an den Skandal um den berühmten Istanbuler Fußballclub Fenerbahçe. Vor circa einem Jahr wurde ein weitreichender Wettbetrug aufgedeckt. Bei der Strafgestaltung zeigte sich der türkische Fußballbund sehr kreativ. Nur Frauen und Kinder sollten für ein Spiel im Şükrü-Saracoğlu-Stadion auf der asiatischen Seite Istanbuls Einlass erhalten. Die Karten wurden umsonst vergeben.
Eine dieser Karten konnte ich ergattern. Wobei ich, zugegebenermaßen, dem ganzen skeptisch entgegenblickte. Ein Fußballspiel im Stadion und eben keine testosterongeladenen Fanmassen um mich herum? Stattdessen nur türkische Frauen mit ihren Kindern!

Istanbul ist eine moderne Metropole. Es gibt viele moderne emanzipierte Frauen und aufgeschlossene Männer. Trotzdem hatte bis dato reichlich Diskussion und Erfahrung mein Bild der Geschlechterrollen in der Türkei geprägt. Wie oft wurde ich in Streitgespräche verwickelt, wie lange eine Frau abends „Ausgang“ haben dürfe, ob sie jungfräulich sein muss vor einer Hochzeit oder inwiefern die Schwäche des weiblichen Geschlechts biologisch begründbar sei?!

Ansichten die mich mehr als einmal in Erstaunen versetzten. Genderdebatten waren zwar auch an meiner Heimat-Universität in Wien an der Tagesordnung, unsere Diskussionen kreisten jedoch meist um das spannende Thema gendergerechte Schreibweise: „Arbeiter und Arbeiterinnen“? Nein, besser: „ArbeiterInnen!“ oder doch eh alles Quatsch?

„Alles Quatsch!“ dachte ich mir nach wenigen Wochen in Istanbul: Meine  beiden muslimischen Sprachschul- Kolleginnen zeigten sich fassungslos, als ich beiläufig erwähnte, in einer Wohngemeinschaft mit drei Männern zu hausieren. Auf meine Wohnungsanzeige auf Couchsurfing.org meldeten sich über 100 Männer und genau zwei Frauen. Und ständig wurde mir beschützend der Arm um die Schulter gelegt und erklärt wie gefährlich es sei allein als Frau – und dann auch noch in der Fremde…!

Mit diesem vorgefertigten Schubladengedanken vom türkischen Rollenverständnis, stand ich nun im Fünfzigtausendman(n)stadion von Fenerbahçe. Jeder Platz war besetzt bzw. bestanden, denn kaum eine der tausenden Frauen saß auf ihrem Plastiksitz. Keine Spur von Artigkeit und Zurückhaltung, stattdessen herrschte im Stadion von der ersten Minute an lautstarkes Fangetöse. Vielleicht war es die besondere Stimmlage (etwas höher als gewöhnlich) die mich in fassungsloses Staunen versetzte. Jedenfalls stand ich ungläubig da, und versuchte schnellstmöglich alle Schubladen in meinem Kopf zu zumachen, meine Gedanken neu zu ordnen.

Mädchen mit bunten, blumigen, perfekt angelegten Kopftüchern saßen immer im Hörsaal der İstanbul Üniversitesi neben mir. Auf den Straßen im konservativen Distrikt Fatih begegnete ich vielen Frauen im schwarzen Ganzkörperschleier. Die belebte Einkaufsstrasse Istiklal im modernen Stadtteil Taxim hasteten jeden Tag Schönheiten mit High-Heels und Handtäschchen hinunter. Die Vielfalt der türkischen Frauenwelt wurde mir wieder schlagartig bewusst. Es fühlte sich an als wären alle vereint in diesem einen Fußballstadion, als wäre ich bei einer riesigen Demonstration, als hätten die Frauen diese eine Chance, ihre Meinung lautstark in die Welt zu brüllen: „Seht her ihr Männer! Wir sind hier, wir sind laut, weil keiner uns die Stimme klaut!“

Als wir das Stadion verließen, stand direkt am Ausgang in einer massenhaften Reihung ein Mann neben dem anderen. Mit hochgereckten Köpfen hielten sie Ausschau nach ihren Frauen und Töchtern um diese nach Hause zu begleiten.  Irgendjemand fragte nach dem Ausgang des Spiels. Ich konnte mich nicht erinnern und dachte mir „Hoffentlich ist das Spiel noch nicht zu Ende!“

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

 

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