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„You don’t look American“

April 13th, 2012 § 0 comments

Von Johanna Müller

Blond, durchtrainiert, Hollywood-Lächeln – oder doch eher übergewichtig, sonnenstudiogebräunt und operiert?  Wie stellen wir ihn uns eigentlich vor, den „typischen Amerikaner“?

Unser sonst eher ruhige Mittagstisch war der Auslöser für meine Gedanken, die ich in meiner Reihe an kleinen Geschichten für das Interkulturellen Reisetagebuch hier gerne teilen möchte.
Anders als sonst hat sich vor zwei Wochen die verschlafene Mittagsrunde in unserem „Co-op“, einer Art selbstverwaltetes Studentenwohnheim in Austin, plötzlich in eine für mich hoch spannende Diskussionsrunde verwandelt.  Angefangen hatte alles mit einer Erzählung von meiner Mitbewohnerin Heather. Sie kam gerade zurück aus einer Vorlesung und war noch ganz irritiert über das, was ihr soeben gesagt wurde. „You don’t look American!“ war der Kommentar, den sie soeben von einem Austauschstudenten gesagt bekommen hatte und der ihr zu denken gab.

„How the hell can you say something like that?“ sagte sie in die Runde, in der ich mit etwa zehn anderen Amerikanern saß. Sie war entsetzt darüber, dass man überhaupt vom „typischen“ Amerikaner sprechen kann. In diesem Moment ertappte ich mich selbst dabei, wie ich mir innerlich den Prototyp eines Amerikaner vorstellte. Wahrscheinlich geht das in diesem Moment sogar vielen, die diesen Text gerade lesen ganz genauso, oder?

Komischerweise machen wir es alle – wir verallgemeinern einen Gesamteindruck, den wir von den Medien, von kurzen Begegnungen oder von Besuchen im Land aufgeschnappt haben. Doch spätestens beim Zurückdenken an den vielleicht längst vergangenen und halb vergessenen Geschichtsunterricht wird die Sache klarer: Bei vielen anderen Ländern, die schon seit Jahrhunderten als solche existieren, ist die Tatsache, sich einen „typischen“ Landsmann vorzustellen, mehr als normal.

Interessanterweise ist es bei einem relativ jungen Land wie den Vereinigten Staaten sogar in vergleichsweise kurzer Zeit zu solch einer Verbildlichung gekommen. Und das trotz der unglaublich vielfältigen Mischung an Nationalitäten, die seit Gründung der USA 1776 zur heutigen Bevölkerung zusammengewachsen sind. Die einzigen, die man als wirkliche Amerikaner bezeichnen kann, wären aus dieser Sichtweise die „Native Americans“. Alle anderen sind in unterschiedlichen Einwanderungswellen aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten eingewandert. Wie sehr das Land durch alle möglichen Länder beeinflusst wurde, zeigt schon die Tatsache, dass die Freiheitsstatue ein Geschenk von Frankreich an die USA war, um sie zu ihrer Unabhängigkeit zu beglückwünschen.

Der „typische“ Amerikaner ist also inzwischen ein „melting pot“ aus vielen verschiedenen Ländern und Kulturen. Im Falle meiner Freundin Heather ist dies laut ihrer „Ancester Research“ zu ¼ Polnisch, zu ¼ Russisch, zu 1/8 Deutsch, zu 1/8 Lithauisch und dazu kommt noch ein Viertel aus Israel. Und das scheint keine unübliche Familiengeschichte für eine „amerikanische“ Familie zu sein. Es ist unglaublich spannend, sich genauer umzuhören, aus welchen Ländern und unter welchen Umständen viele Familien schließlich ihr Leben in die USA verlegt haben. Viele natürlich unter miserablen Umständen, wie dies etwa der Fall war bei den großen Sklaveneinfuhren, die den Briten ab Ende des 16. Jahrhunderts zur Aufrechterhaltung des Feudalsystems dienten.

Die Bevölkerung auf dem amerikanischen Kontinent war also schon seit jeher durch einen bunten Mix an verschiedensten Kulturen geprägt und ist deshalb auch heute noch so schwierig auf einen Nenner zu bringen. Wahrscheinlich sind es genau diese enormen Unterschiede, die den Drang nach äußerlicher Einheitlichkeit, Gruppengefühl und Nationalstolz letztendlich so groß machen.

Und genau diese kritisieren und belächeln wir dann oftmals so stark, ohne uns über geschichtliche Hintergründe Gedanken zu machen.
Beim Schreiben dieses Artikels sitze ich gerade in unserem Lernzimmer neben einem anderen „amerikanischen“ Freund, dessen Vorfahren aus Ägypten und Paraguay stammen. Auch hier muss ich wieder schmunzeln und zurückdenken an Heather‘s Geschichte. Wie man sich vorstellen kann, ist auch sein Aussehen – wie das meiner restlichen 120 amerikanischen „Co-op“ -Mitbewohner – komplett einzigartig und schwer verallgemeinerbar.

Der „typische“ Amerikaner ist zumindest in meinem Kopf spätestens nach diesen Erfahrungen nicht mehr vorhanden.
Vielmehr habe ich das Gefühl, mit Menschen aus 120 verschiedenen Ländern zusammenzuwohnen und nicht nur mit dem Volk eines einzigen Landes.

Tipp:

Wer interessiert ist an dem Konzept eines „Co-ops“, kann gerne die Homepage der College Houses Cooperatives besuchen. Alle „Co-ops“ sind komplett im Besitz von Studenten und funktionieren aufgrund demokratischer Basis, wobei alle Hausmitglieder gemeinsam über alles entscheiden.

Das interkulturelle Reisetagebuch ist ein Blog von change.project und crossculture academy.

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